Kirche, Freiheit und Kohle in Wattenscheid – Von Frank Dengler

Postkarte aus den 1970er Jahren zeigt zwei ortsprägende Baulichkeiten

wattsche gertrudis & holland um 1975
Postkarte von Wattenscheid um 1975, vorne die Gertrudiskirchen hinten links die Zeche Holland

Noch 1975 zeigte der Blick über Wattenscheid zwei für die Stadtentwicklung prägende Faktoren: die Kirche St. Gertrudis und die Zeche Holland. Während die erste 1200 Jahre alt ist und in die Anfänge der Ortsgeschichte führt, entstand die zweite vor 145 Jahren und formte Wattenscheid mit zur Industriestadt.

In der Karolingerzeit wurde um das Jahr 800 auf der natürlichen Erhebung der späteren befestigten „Kirchenburg“ ein erster bescheidener Vorgängerbau der heutigen Kirche errichtet. Diese kleine, ca. acht Meter breite Saalkirche, wurde im 12. und 15. Jahrhundert durch größere, der Ortspatronin Gertrudis von Brabant geweihte Neubauten ersetzt. Angelehnt an das Gotteshaus entwickelte sich allmählich das mittelalterliche Wattenscheid, das 1417 (also vor genau 600 Jahren!) durch Graf Adolf IV. von Cleve-Mark in den Rang einer „Freiheit“ erhoben wurde. 1635 kam es nach einem Brand zu einem teilweisen Neubau bzw. Wiederaufbau der Kirche.

Umfangreichere Baumaßnahmen setzten erst mehr als 200 Jahre später ein, als der Paderborner Dombaumeister Arnold Güldenpfennig (1830-1908) St. Gertrudis zwischen 1868 und 1872 erweiterte und komplett umbaute. Unter Einbeziehung des 26 Meter hohen romanischen Turmschaftes entstand eine großzügige neugotische Hallenkirche. Nach der Aufstockung des Turmes um zwei neuromanische Geschosse und einen oktogonalen Turmhelm erreichte er 1895/96 eine Höhe von 65 Metern – und die Gesamtkirche ihr bis heute gültiges Äußeres.

Just im Jahr 1872, als Güldenpfennigs Arbeiten an der Gertrudiskirche endeten, begann nur wenige hundert Meter entfernt das Abteufen des Schachtes 3 der Zeche Holland. Sie sollte sich in den nächsten Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Bergwerke in Wattenscheid entwickeln. Die Schächte 4 und 6 folgten 1898 bzw. 1921, und bereits 1910 betrug die Belegschaft 4.365 Mann. In den 1920er Jahren wurden viele Gebäude wie Lohnhalle, Kaue, Verwaltung, Fördermaschinenhalle neu erbaut. Bei den meisten handelte es sich um Frühwerke der berühmten Zechenarchitekten Fritz Schupp und Martin Kremmer. Die größte Fördermenge „auf Holland“ wurde mit 1.685.000 Tonnen Kohle im Jahr 1969 erreicht, fünf Jahre vor der Stilllegung.

Wattsche Partie an Gertrudiskirche um 1910
Wattsche Partie an Gertrudiskirche um 1910

Den Zustand nach der Schließung der Zeche 1974, aber vor dem Abriss eines Großteils der Tagesanlagen, zeigt die Ansichtskarte im Hintergrund. Vor der Kohlenaufbereitung erheben sich die beiden Fördergerüste der Schächte 4 (links) und 6 (rechts). Von den Zechenanlagen auf der Karte sichtbaren ist heute nur noch das Fördergerüst von Schacht 4 wieder zu finden – der Rest wurde abgebrochen. Es stand übrigens nicht immer in Wattenscheid, sondern wurde 1935 von Schupp und Kremmer über Schacht 4 der Zeche Zollverein in Essen errichtet. Um 1960 ist es dann zum jetzigen Standort transloziert worden. Die erhaltenen Verwaltungsgebäude, welche jetzt das „Technologie- und Gründerzentrum Wattenscheid“ beherbergen, werden auf dem aktuellen Foto von der Gertrudiskirche verdeckt.

FD wattsche gertrudis & holland
Blick über die Innenstadt heute – ganz links am Horizont die Halde Rheinelbe (Foto: Frank Dengler)

Im Vordergrund hat sich im Umfeld der Kirche einiges getan, so wurden mehrere Freiflächen und der Garagenhof mit Wohnhäusern bebaut. Und im neuen Jahrtausend ist aus dem früheren Kaufhaus Horten das jetzige „Gertrudiscenter“ geworden. Schließlich lässt sich auf dem neuen Foto am Horizont noch ein Symbol für den Strukturwandel im Ruhrgebiet entdecken. Am linken Bildrand liegt die Bergehalde Rheinelbe, auf deren Spitze sich die „Himmelstreppe“ des Künstlers Hermann Prigann erhebt. Sie wurde aus den Trümmern von abgebrochenen Zechenbauten errichtet.

Zeche Holland 1907
Zeche Holland, 1907

Bevor die Zeche Holland 3/4/6 ab 1872 als Hauptförderanlage errichtet wurde, lag der Schwerpunkt beim Gründungsbetrieb Holland 1/2 im benachbarten Ückendorf (Gelsenkirchen), wo 1856-60 die ersten beiden Schächte abgeteuft worden waren. Bis heute stehen dort zwei Malakofftürme mit dazwischen liegendem Maschinenhaus – die einzige erhaltene Doppelmalakoff-Anlage europaweit! Innen zu Luxuswohnungen umgebaut, ist sie seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 Standort der „Route der Wohnkultur“.

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