Expedition Wattenscheid, 1. Termin – Neue Eindrücke vom Stadtteil werfen spannende Fragen auf

Samstag markierte den Beginn der Expedition Wattenscheid. Trotz ungemütlichen Wetters fanden sich einige interessierte Expeditions-Teilnehmer zunächst im Stadtteilbüro des „Soziale Stadt“-Programms Wattenscheid ein. Nach kurzer Begrüßung sowie Vorstellung des Projekts und der Dozenten ging es dann schon los zum Stadtteilspaziergang. Dieser führte zunächst durch die Fußgängerzone quer durch die Innenstadt Wattenscheids zum Marktplatz. Unterwegs wurde das Einzelhandelsangebot in Wattenscheid ausgiebig diskutiert. Insgesamt stuften die Teilnehmer das Angebot als abwechslungsreich ein, allerdings wurde bemängelt, dass man bestimmte höherwertige Angebote wie etwa einen Herrenausstatter, der Anzüge verkauft, in Wattenscheid nicht mehr findet. Auffällig waren auch die vielen Leerstände, welche die Stadtgestalt negativ beeinflussen. Bezirksbürgermeister Molszich erklärte, dass diese auch durch mangelndes Interesse der Eigentümer zu erklären sind, welche weder selber investieren noch der Stadt ihr Grundstück überlassen wollen. Ein plakatives Beispiel war ein brachliegendes Grundstück in der Fußgängerzone, welches nach Abriss des Hauses einfach eingezäunt und ungenutzt liegengelassen wurde. Derzeit ist es für niemanden zugänglich, auch wenn es ein idealer Standort etwa für einen Kinderspielplatz wäre. Der Leerstand ist nicht nur durch das Schließen kleiner Einzelhändler zu erklären, sondern auch durch die Schließung der zwei Kinos, die es in Wattenscheid einmal gab, und vieler Gaststätten. Diese Entwicklung wurde von den Expeditionsteilnehmern einstimmig bedauert und warf die Fragen auf, wo man sich in Wattenscheid noch treffen kann, wo die verschiedenen Generationen ihre Freizeit verbringen und ob es Orte gibt, an denen Jung & Alt zusammenkommen. Eine erste Antwort gaben drei Expeditions-Teilnehmer, die Anfang des Jahres den Verein Spielkunst e.V. ins Leben gerufen haben und seither jeden Freitag Abends und Samstag Nachmittags im selbst renovierten Vereinsheim in der Hammer Straße zum gemeinsamen Spielen von Brett- und Tabletopspielen einladen. Interessanterweise handelt es sich bei dem Vereinsheim um eine ehemalige Gaststätte, die nun wieder ihrer alten Funktion als Treffpunkt gerecht wird (http://spielkunst-ev.de/wp/).

Ein weiterer beliebter Treffpunkt ist der Wattenscheider Marktplatz. Dieser immerhin 2.281qm große Platz hat neben einer Live-Webcam über die Feuerwehr, dem Markt an Dienstagen und Freitagen von 7:00 bis 13:00 Uhr auch verschiedene Veranstaltungen zu bieten. Einer der Höhepunkte war die sehr erfolgreiche Wattenscheid 600 Jahrfeier (Später gab es mal eine Anmerkung das Wattenscheid ja sehr viel älter sei). Darüber hinaus findet hier auch die Kirmes und weitere Veranstaltungen wie das Weinfest statt. Dass sich das Weinfest mittlerweile sehr gut etabliert hat sei dem Durchhaltevermögen der lokalen Händler geschuldet, die das Weinfest in der Werbegemeinschaft initiiert haben. Das Problem sei nun, so Bezirksbürgermeister Molszich, dass Händler die einer Kette angehören, zwar von den Aktionen der Werbegemeinschaft profitieren, sich aber nicht daran beteiligten Schön sei aber zu sehen, dass sie vor Ort Händler mit Café-Charakter niedergelassen haben, die den Marktplatz auch zu nicht Marktzeiten beleben.

Nach intensiven Diskussionen am Marktplatz zog die Expedition weiter nach Westen Richtung Zeche Holland. Entlang der Weststraße wurden die bereits angesprochenen Probleme Kneipensterben und Stadtgestaltung an weiteren Beispielen deutlich. So wirkt der einst durch zwei Gasttätten belebte Platz/Kreisverkehr nördlich der Probstei heute manchmal wie ausgestorben. Die Gaststätte Wintergarten an der Ecke Lyrenstraße/Weststraße hingegen zeigt, wie ein Betrieb trotz allem die Zeit überdauern kann: Die ehemalige Kneipe hat ihren kulinarischen Schwerpunkt von flüssiger auf feste Nahrung verlegt und existiert heute als „Restaurant Wintergarten“ weiter.  Stadtgestalterisch fiel den Expeditions-Teilnehmern vor allem der Kontrast zwischen Alt und Neu auf. Während viele ältere Gebäude in einem sichtbar schlechten Erhaltungszustand sind, finden sich z.T. direkt nebenan moderne Neubauten. Deren „kastenförmige“ Bauweise und Putzfassaden fügen sich aber kaum in die Umgebung ein und wirken wie Fremdkörper, was die Fragen aufwirft, welchen Bezug einzelne Gebäude zu ihrer baulichen Umgebung haben oder haben sollten, was interessante Stadtgestaltung ausmacht und wie diese behutsam verändert werden kann.

Biegt man gegenüber der Schulstraße rechts ab und geht hinter die erste Häuserreihe, befindet man sich plötzlich auf einer Brücke über einen „Ententeich“, der vielen Teilnehmern kaum bekannt war. Tatsächlich entpuppt sich dieser vermeintliche Teich als Regenrückhaltebecken, in dem Regenwasser gesammelt wird, anstatt es in die Kanalisation einzuspeisen. Einen gewissen Teich-Charakter, der zum Spazieren oder (bei besserem Wetter) gar Verweilen einlädt, versprüht die Fläche trotzdem, weshalb sie durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient. Erst beim Blick auf den nun sehr nahegelegenen Förderturm der ehemaligen Zeche Holland wurde den Spaziergängern plötzlich klar, dass sie sich bereits auf dem Gelände der 1984 stillgelegten Zeche befinden, dass nun ganz anders genutzt wird. Entlang der Weststraße ist Wohnbebauung entstanden, hinter dem „Teich“ beginnt dann ein Gewerbepark, welche unter anderem Sitz der „Flotten Karotte“ ist. Diese Firma, die Bio-Lebensmittel vertreibt, ist in den letzten Jahren gewachsen und hat entschlossen dies in Wattenscheid zu tun. Weiter im Inneren des Geländes geht führt der Fußweg dann durch Grün- und z.T. noch Brachflächen, insbesondere um den Förderturm. Was diesen angeht, hatte Bezirksbürgermeister Molszich gute Nachrichten: Der Turm bleibt stehen, die Finanzierung der umfangreichen Sanierungsarbeiten ist gesichert! Pläne, auf dem Turm ein Aussichtscafé oder zumindest eine begehbare Aussichtsplattform zu errichten, müssen aber aufgrund der dann notwendigen Sicherheitsmaßnahmen fallen gelassen werden. Somit bietet das einst identitätsstiftende Zechengelände, an dessen Vergangenheit der Förderturm auch in Zukunft erinnern wird, keine Orte oder Aktivitäten von öffentlichem Interesse. Möglicherweise entstehen aber in Zukunft neue Impulse, wenn die Umgebung des Turms entwickelt wird und evtl. die Stiftung, die auch die Instandhaltung des Förderturms übernimmt, ihren Hauptsitz dorthin verlegt. Bis dahin bleibt aber die Frage: Welche Bedeutung hat die ehemalige Zeche Holland heute für Wattenscheid?

Ähnliche Fragen stellen sich nicht nur in Wattenscheid. Ganz im Gegenteil: In vielerlei Hinsicht ist Wattenscheid mit der Zechenschließung und den weit über das Zechengelände hinaus spür- und sichtbaren Folgen des Strukturwandels „typisch Ruhrgebiet“. Was aber genau macht Wattenscheid „typisch Ruhrgebiet?“ Und inwiefern geht Wattenscheid anders mit dem Strukturwandel um als andere Ruhrgebietsstädte? Auch diese Fragen können in den folgenden Expeditions-Terminen erforscht und beantwortet werden.

Die Expedition führte dann zu den einstigen Laborgebäuden im nördlichen Teil des Zechengeländes an der Lohrheidestraße. Diese beherbergen heute das IBKK Kunstzentrum. Nach einer kurzen Einführung in die Details, die man selbst am besten unter http://www.ibkk-kunstzentrum.de/ nachlesen kann, gab es eine angeregte Unterhaltung unter allen Teilnehmern. So gab es eine Teilnehmerin die dort auch schon des Öfteren eine Ausstellung besucht hat, ein anderer kannte es gar nicht. Interessant war zu erfahren, dass auch das IBKK nur deshalb so erfolgreich werden konnte, da Wattenscheider lokal Größen von Anfang an sich dort stark eingebracht haben. Im Verlaufe des Gespräches wurde mehrfach Interesse bekundet doch mal ins IBKK zu gehen oder von dort Informationen zu bekommen.

Die Expedition führte dann langsam wieder zurück Richtung Innenstadt. Am Gertrudiscenter wurde den Teilnehmern bewusst, dass in Wattenscheid noch sehr viele Bunker zu sehen sind. Derjenige am Getrudiscenter wird sogar noch vom Katastrophenschutz genutzt. Interessanterweise ist der mit einem OP-Saal und einem kompletten Kreissaal ausgestattet. Andere Bunker hingegen werden nicht mehr genutzt. Der Bunker an der Bahnhofstraße 67 hingegen steht tatsächlich gerade zum Verkauf, welche Nutzung der neue Eigentümer dem Betonbau zuführen will ist aber noch nicht bekannt. Was also kann man mit hoffentlich nicht mehr benötigten Bunkern anstellen und wie viele gibt es eigentlich in Wattenscheid? Neben den Bunkern wurden auch das Getrudiscenter und seine Auswirkungen auf Stadtgestalt und Einzelhandel ausgiebig diskutiert.

Bei stärker werdendem Regen ging es dann zügig zur letzten Station, dem August-Bebel-Platz. Dieser nach dem SPD-Politiker aus Kaiserzeiten benannte Platz ist heute eigentlich nicht mehr als Platz zu erkennen, sondern stellt einen der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte in der Wattenscheider Innenstadt dar. So läuft die Fritz-Ebert-Straße mitten durch den Platz, zudem hält hier die Straßenbahn. Historische Fotos zeigen den Platz noch ohne Straße und Haltestelle und lassen ahnen, dass der August-Bebel-Platz mal eine ganz andere Atmosphäre hatte. Dies warf die Fragen auf, was einen Platz im Speziellen und den öffentlichen Raum im Allgemeinen eigentlich ausmacht, welche Qualitäten ihn ausmachen (sollten) und wie öffentlicher Raum von den Menschen genutzt wird.

Mit so viel Fragen und neuen Impressionen von Wattenscheid im Kopf sammelten sich die Expeditions-Teilnehmer dann wieder im Stadtteilbüro, um den Spaziergang bei Kaffee und Keksen Revue passieren zu lassen. Natürlich reichte die Zeit nicht, um alle unterwegs aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Am meisten wurde zunächst über die Frage nach Treffpunkten und dem nach Eindruck vieler Teilnehmer abnehmenden Gemeinschaftsgefühl im Stadtteil und den Nachbarschaften diskutiert. Freundlicherweise boten die Mitglieder des Spielkunst e.V. an, ihre Räumlichkeiten im Rahmen der Expedition zu zeigen, ihre Räumlichkeiten im Rahmen der Expedition zu zeigen, was eine spannende Möglichkeit bietet, der Frage nach der Neunutzung alter Gaststätten und Treffpunkten im Stadtteil konkreter auf die Spur zu kommen.

RundgangLay

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